Weiter Saufen dank Anti-Cannabis

joan 28 April, 2008 17:50 seltsames Permalink Trackbacks (0)

Wir haben ja schon ausgiebig über gute und böse Cannabinoide gelästert und im diesem Zusammenhang den Cannabinoidrezeptorantagonisten Rimonabant erwähnt, welcher ja - wegen diverser Problemchen wie Depressionen und erhöhten Selbstmordrisiken - in Amerika so seine Anlauf-Schwierigkeiten hatte. Damals war das Zeug ja noch hauptsächlich als tolles Diät-Mittel angepriesen worden, allein die böse böse Presse hat die Zulassung des Wundermittels in den USA vereitelt und dazu geführt das in Deutschland die Kassen die Kosten nicht mehr übernehmen dürfen.

Tja, schönes Desaster, da hilft nur eins: Erstmal Gras über die Sache wachsen lassen. Und dann, nach einiger Zeit: Bessere Werbung und die Zielgruppe ausbauen. Im Idealfall ein paar neue Anwendungsbereiche für das Mittel finden, den Bürger via Presse zum Arztbesuch animieren und dabei möglichst die Namen Rimonabant bzw. Acomplia erstmal vermeiden (der Arzt wird ja eh separat gebrieft). Wenn das Volk erstmal gemerkt hat wie Krank es ist wird es schon nach Zuzahlung schreien, hat noch meistens funktioniert...

Und da schau her, kaum ist kein Jahr vergangen kann man in der Presse eine Flut von interessanten medizinischen Neuerungen bestaunen... Schon gewusst? Rimonabant hilft jetzt auch gegen Fettleber! Ganz speziell bei der, die Alkoholiker gerne mal bekommen. Hallo Zielgruppe :) Bei denen fallen auch praktischer Weise die Depressionen nicht so auf, und vom Dach springen die eh ständig, da machen die Nebenwirkungen den Braten auch nicht mehr Fett... Nunja, hier eine kleine Presseschau mit Werbung Informationen zu den neuesten Erkenntnissen in chronologischer Reihenfolge:

Los geht es mit der Ärzte Zeitung, welche am 31.03.2008 vermeldet: Rimonabant soll in England bezahlt werden...

[...] Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) in Großbritannien hat seine endgültige Empfehlung (Final Appraisal Determination) zur Anwendung von Rimonabant (Acomplia®) in England und Wales auf Kosten des staatlichen Gesundheitsdienstes abgegeben. [...] Das hat das Unternehmen Sanofi-Aventis mitgeteilt. In klinischen Studien [...] ist, wie berichtet, belegt worden, dass Rimonabant zusätzlich zur Unterstützung der Gewichtsabnahme das kardiovaskuläre [Anm.: das Herz und das Gefäßsystem betreffend] Risikoprofil bessert. [...]

Einen Tag später, am 1.4.2008, wird in selbiger Zeitung noch ein neues Einsatzgebiet für das Mittel hinterher geschoben, und zwar in diesem Artikel: Zahl der Patienten mit Fettleber steigt:

[...] Mit der steigenden Zahl Übergewichtiger nimmt auch die Zahl von Patienten mit Fettleber zu. Die schwerwiegenden Folgen wie Zirrhose und hepatozelluläres Karzinom werden aber erst in 15 bis 20 Jahren voll zum Tragen kommen, so die Meinung von Experten. [...] doch verspreche die Zukunft neue therapeutische Ansätze: In Tierexperimenten und Fallstudien wurden günstige Effekte auf die Fettleber etwa mit dem Wirkstoff Rimonabant und auch den Diabetes-Arzneien GLP-1-Analoga und DDP-4-Hemmern belegt. [...]

Nur zwei Tage darauf gibt es dann einen kleinen Rückschlag in Form von neuen und etwas widersprüchlichen Forschungsergebnissen aus dem eigenen Hause, aber nichts was beunruhigen würde, man forscht ja weiter bis das Ergebniss stimmt ;) Hier ein Absatz aus einem Faz-Artikel vom 3.4.2008 mit dem Titel: Unterschiedliche Ergebnisse für Appetitzügler Acomplia

[...] Die von Nissen betreute und von Sanofi-Aventis finanzierte Studie habe in der Tat eine höhere Rate von psychischen Störungen bei Rimonabant-Patienten im Vergleich zu mit Placebos behandelten Personen belegt, hieß es. Nissen zufolge laufen derzeit mindestens zwei weitere Studien, in denen die Reduzierung der Arterienverkalkung sowie von Herzinfarkten geprüft wird. [...] Die Hersteller von Rimonabant und ähnlichen Mitteln müssten zunächst den Nachweis erbringen, dass diese Produkte sich positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirkten, sagten einige Ärzte. Erst dann sei eine Zulassung durch die FDA zu erwarten. [...]

Keine Woche später, am 9.4.2008, finden sich die nächsten Forschungsergebnisse (und sehr seltsame dazu) in der Ärztezeitung. Unter der Überschrift "Neonatologie: Marihuana erhöht Neurotoxizität von Alkohol" finden sich unter anderem folgende Blüten:

[...] Die Forscher exponierten Ratten im Alter von ein bis 14 Tagen mit verschiedenen Substanzen, denen eine schädliche Wirkung auf das Gehirn nachgesagt wird. Darunter waren auch THC und ein synthetisches Cannabinoid. Wenn sie allein verabreicht werden, hatten sie keine nachteilige Wirkung auf das Gehirn. Erhielten die Ratten allerdings gleichzeitig Alkohol, kam es zu einer deutlichen Neurotoxizität. Die Schäden im Gehirn der Versuchstiere waren größer als bei der geringen Alkoholmenge zu erwarten gewesen wäre, schreibt Ikonomidou. Als Beleg kann sie anführen, dass die schädigende Wirkung auf das Gehirn durch die Gabe des Schlankheitsmittels Rimonabant komplett verhindert werden konnte. [...] In den Experimenten verstärkte THC auch die neurotoxischen Wirkungen der Antiepileptika Phenobarbital und Dizocilpin. Auch hier erzielte Rimonabant eine neuroprotektive Wirkung, weshalb Ikonomidou den Einsatz des Schlankheitsmittels bei Neugeborenen empfiehlt, die während der Schwangerschaft Cannabis zusammen mit Alkohol oder anderen neurotoxischen Substanzen konsumiert haben. [...]

Gut, er sagt zusätzlich noch "Besser wäre es, wenn Schwangere vollständig auf Cannabis und die Einnahme neurotoxischer Substanzen verzichten würden.", aber viel besser macht das den Satz davor nicht.

Zwei Wochen darauf gibt es dann wieder neue Ergebnisse im Fettleber-Bereich. Wie das Ärzteblatt am 24.4.2008 vermeldet ist "Chronischer Alkoholkonsum in Zukunft ohne Folgen für die Leber?"

[...] Die Forscher fanden heraus, dass Mäuse unter Rimonabantgabe immun gegen die alkoholinduzierte Verfettung der Leber wurden. "Was diese Entdeckung aus unserer Sicht so interessant macht, ist, dass sie viele praktische Aspekte impliziert", erklärte George Kunos vom National Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism: "Die Behandlung von Tieren mit einem Cannabinoidrezeptorantagonisten konnte die Effekte von Alkohol weitestgehend verhindern. Dies legt nahe, dass wir die Ausbildung einer Fettleber bei Alkoholkonsumenten mit einer solchen Behandlung verhindern oder rückgängig machen könnten." [...]

Hach, ein Traum für jeden Pharmareferenten, nur wird im Artikel der Markenname noch fast zu oft genannt und die Zulassungsprobleme wurden auch noch erwähnt. Aber natürlich dauert es nicht lange und ein Lobbyist rundet die Meldung noch etwas ab. Heute, am 28.04.2008 ist folgende Pressemitteilung unter dem Namen "Medikament gegen alkoholische Fettleber?" aufgetaucht - und siehe da, von Rimbodings ist nichts mehr zu lesen, dafür aber der Aufruf "an die Redaktionen" doch am besten beim Urheber nach "kompetenten Gesprächspartnern" in diesem Zusammenhang zu fragen....

[...] Chronischer Alkoholmissbrauch schädigt die Leber. [...] Amerikanische Forscher haben jetzt an Mäusen gezeigt, dass ein Medikament die alkoholbedingte Leberverfettung verhindern kann. [...] Es gilt heute als gesichert, dass schon ein einmonatiger Konsum von 30 Gramm Alkohol zu einer Leberverfettung führt. Oberhalb dieser Menge steigt die Häufigkeit von alkoholischen Organschäden und Leberzirrhose deutlich an. Wer mehr als 60 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nimmt, entwickelt eine schwere Fettlebererkrankung. [...] Die Ergebnisse der amerikanischen Forscher [...] wecken die Hoffnung, dass man die Entstehung einer Fettleber durch Alkoholmissbrauch künftig medikamentös verhindern oder gar rückgängig machen kann. [...]

Super, 1A, perfekt, so muss Werbung aussehen... Mal schauen wann es die ersten Begehrlichkeiten von "unabhängigen" Patientenvereinigungen und Betroffen gibt, ich denke, lange wird es nicht mehr Dauern und das Zeug wird wieder von der Kasse bezahlt. Aber wir werden sehen, solange: Prost!


« zum letzten Artikel « - » zum nächsten Artikel »


Kommentare


Artikel kommentieren

Artikel kommentieren

Powered by LifeType
© 2006 - Design by Omar Romero (all rights reserved)