Wir haben ja schon ausgiebig über gute und böse Cannabinoide gelästert und im diesem Zusammenhang den Cannabinoidrezeptorantagonisten Rimonabant erwähnt, welcher ja - wegen diverser Problemchen wie Depressionen und erhöhten Selbstmordrisiken - in Amerika so seine Anlauf-Schwierigkeiten hatte. Damals war das Zeug ja noch hauptsächlich als tolles Diät-Mittel angepriesen worden, allein die böse böse Presse hat die Zulassung des Wundermittels in den USA vereitelt und dazu geführt das in Deutschland die Kassen die Kosten nicht mehr übernehmen dürfen.
Tja, schönes Desaster, da hilft nur eins: Erstmal Gras über die Sache wachsen lassen. Und dann, nach einiger Zeit: Bessere Werbung und die Zielgruppe ausbauen. Im Idealfall ein paar neue Anwendungsbereiche für das Mittel finden, den Bürger via Presse zum Arztbesuch animieren und dabei möglichst die Namen Rimonabant bzw. Acomplia erstmal vermeiden (der Arzt wird ja eh separat gebrieft). Wenn das Volk erstmal gemerkt hat wie Krank es ist wird es schon nach Zuzahlung schreien, hat noch meistens funktioniert...
Und da schau her, kaum ist kein Jahr vergangen kann man in der Presse eine Flut von interessanten medizinischen Neuerungen bestaunen... Schon gewusst? Rimonabant hilft jetzt auch gegen Fettleber! Ganz speziell bei der, die Alkoholiker gerne mal bekommen. Hallo Zielgruppe :) Bei denen fallen auch praktischer Weise die Depressionen nicht so auf, und vom Dach springen die eh ständig, da machen die Nebenwirkungen den Braten auch nicht mehr Fett... Nunja, hier eine kleine Presseschau mit Werbung Informationen zu den neuesten Erkenntnissen in chronologischer Reihenfolge:
Los geht es mit der Ärzte Zeitung, welche am 31.03.2008 vermeldet: Rimonabant soll in England bezahlt werden...
[...] Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) in
Großbritannien hat seine endgültige Empfehlung (Final Appraisal
Determination) zur Anwendung von Rimonabant (Acomplia®) in England und
Wales auf Kosten des staatlichen Gesundheitsdienstes abgegeben. [...]
Das hat das Unternehmen Sanofi-Aventis mitgeteilt. In klinischen
Studien [...] ist, wie berichtet, belegt worden, dass Rimonabant
zusätzlich zur Unterstützung der Gewichtsabnahme das kardiovaskuläre [Anm.: das Herz und das Gefäßsystem betreffend]
Risikoprofil bessert. [...]
Einen Tag später, am 1.4.2008, wird in selbiger Zeitung noch ein neues Einsatzgebiet für das Mittel
hinterher geschoben, und zwar in diesem Artikel: Zahl der Patienten mit
Fettleber steigt:
[...] Mit der steigenden Zahl Übergewichtiger nimmt auch die Zahl von
Patienten mit Fettleber zu. Die schwerwiegenden Folgen wie Zirrhose und
hepatozelluläres Karzinom werden aber erst in 15 bis 20 Jahren voll zum
Tragen kommen, so die Meinung von Experten. [...] doch
verspreche die Zukunft neue therapeutische Ansätze: In Tierexperimenten
und Fallstudien wurden günstige Effekte auf die Fettleber etwa mit dem
Wirkstoff Rimonabant und auch den Diabetes-Arzneien GLP-1-Analoga und
DDP-4-Hemmern belegt. [...]
Nur zwei Tage darauf gibt es dann einen kleinen Rückschlag in Form von neuen und etwas widersprüchlichen
Forschungsergebnissen aus dem eigenen Hause, aber nichts was beunruhigen würde, man forscht ja weiter bis das Ergebniss stimmt ;) Hier ein Absatz aus
einem Faz-Artikel vom 3.4.2008 mit dem Titel: Unterschiedliche
Ergebnisse für Appetitzügler Acomplia
[...] Die von Nissen betreute und von Sanofi-Aventis finanzierte Studie
habe in der Tat eine höhere Rate von psychischen Störungen bei
Rimonabant-Patienten im Vergleich zu mit Placebos behandelten Personen
belegt, hieß es. Nissen zufolge laufen derzeit mindestens zwei weitere
Studien, in denen die Reduzierung der Arterienverkalkung sowie von
Herzinfarkten geprüft wird. [...] Die Hersteller von Rimonabant und
ähnlichen Mitteln müssten zunächst den Nachweis erbringen, dass diese
Produkte sich positiv auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen auswirkten,
sagten einige Ärzte. Erst dann sei eine Zulassung durch die FDA zu
erwarten. [...]
Keine Woche später, am 9.4.2008, finden sich die nächsten
Forschungsergebnisse (und sehr seltsame dazu) in der Ärztezeitung.
Unter der Überschrift "Neonatologie: Marihuana erhöht Neurotoxizität
von Alkohol" finden sich unter anderem folgende Blüten:
[...] Die Forscher exponierten Ratten im Alter von ein bis 14 Tagen mit
verschiedenen Substanzen, denen eine schädliche Wirkung auf das Gehirn
nachgesagt wird. Darunter waren auch THC und ein synthetisches
Cannabinoid. Wenn sie allein verabreicht werden, hatten sie keine
nachteilige Wirkung auf das Gehirn. Erhielten die Ratten allerdings
gleichzeitig Alkohol, kam es zu einer deutlichen Neurotoxizität. Die
Schäden im Gehirn der Versuchstiere waren größer als bei der geringen
Alkoholmenge zu erwarten gewesen wäre, schreibt Ikonomidou. Als Beleg
kann sie anführen, dass die schädigende Wirkung auf das Gehirn durch
die Gabe des Schlankheitsmittels Rimonabant komplett verhindert werden
konnte. [...] In den Experimenten verstärkte THC auch die
neurotoxischen Wirkungen der Antiepileptika Phenobarbital und
Dizocilpin. Auch hier erzielte Rimonabant eine neuroprotektive Wirkung,
weshalb Ikonomidou den Einsatz des Schlankheitsmittels bei Neugeborenen
empfiehlt, die während der Schwangerschaft Cannabis zusammen mit
Alkohol oder anderen neurotoxischen Substanzen konsumiert haben. [...]
Gut, er sagt zusätzlich noch "Besser wäre es, wenn Schwangere vollständig
auf Cannabis und die Einnahme neurotoxischer Substanzen verzichten
würden.", aber viel besser macht das den Satz davor nicht.
Zwei Wochen darauf gibt es dann wieder neue Ergebnisse im
Fettleber-Bereich. Wie das Ärzteblatt am 24.4.2008 vermeldet ist
"Chronischer Alkoholkonsum in Zukunft ohne Folgen für die Leber?"
[...] Die Forscher fanden heraus, dass Mäuse unter Rimonabantgabe immun
gegen die alkoholinduzierte Verfettung der Leber wurden. "Was diese
Entdeckung aus unserer Sicht so interessant macht, ist, dass sie viele
praktische Aspekte impliziert", erklärte George Kunos vom National
Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism: "Die Behandlung von Tieren
mit einem Cannabinoidrezeptorantagonisten konnte die Effekte von
Alkohol weitestgehend verhindern. Dies legt nahe, dass wir die
Ausbildung einer Fettleber bei Alkoholkonsumenten mit einer solchen
Behandlung verhindern oder rückgängig machen könnten." [...]
Hach, ein Traum für jeden Pharmareferenten, nur wird im Artikel der Markenname
noch fast zu oft genannt und die Zulassungsprobleme wurden auch noch
erwähnt. Aber natürlich dauert es nicht lange und ein Lobbyist rundet
die Meldung noch etwas ab. Heute, am 28.04.2008 ist folgende Pressemitteilung unter
dem Namen "Medikament gegen alkoholische Fettleber?" aufgetaucht - und
siehe da, von Rimbodings ist nichts mehr zu lesen, dafür aber der
Aufruf "an die Redaktionen" doch am besten beim Urheber nach
"kompetenten Gesprächspartnern" in diesem Zusammenhang zu fragen....
[...] Chronischer Alkoholmissbrauch schädigt die Leber. [...] Amerikanische
Forscher haben jetzt an Mäusen gezeigt, dass ein Medikament die
alkoholbedingte Leberverfettung verhindern kann. [...] Es gilt heute
als gesichert, dass schon ein einmonatiger Konsum von 30 Gramm Alkohol
zu einer Leberverfettung führt. Oberhalb dieser Menge steigt die
Häufigkeit von alkoholischen Organschäden und Leberzirrhose deutlich
an. Wer mehr als 60 Gramm Alkohol pro Tag zu sich nimmt, entwickelt
eine schwere Fettlebererkrankung. [...] Die Ergebnisse der
amerikanischen Forscher [...] wecken die Hoffnung, dass man die
Entstehung einer Fettleber durch Alkoholmissbrauch künftig medikamentös
verhindern oder gar rückgängig machen kann. [...]
Super, 1A, perfekt, so muss Werbung aussehen... Mal schauen wann es die
ersten Begehrlichkeiten von "unabhängigen" Patientenvereinigungen und
Betroffen gibt, ich denke, lange wird es nicht mehr Dauern und das Zeug
wird wieder von der Kasse bezahlt. Aber wir werden sehen, solange:
Prost!

